Sturmsegler - gegen psychische Gewalt

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Was ist psychische Gewalt?


Psychische Gewalt ist ein - bewusst oder unbewusst - systematisch und dauerhaft angelegter Prozess, in dem ein Täter ein Opfer durch verschiedene Mittel herabwürdigt oder emotional schädigt und dabei auf körperliche Gewalt verzichtet. Die Gewalt spielt sich auf der verbalen, nonverbalen und emotionalen Ebene ab und äußert sich z.B. durch Drohungen, einschüchterndes und kontrollierendes Verhalten, verbale Beleidigungen, Erniedrigungen, Ignoranz, Verleumdung bis hin zu Rufmord.

Neben diesen "alltäglichen" Formen psychischer Gewalt dürfen extreme Methoden wie Deprivation (Isolation) und "weiße Folter" nicht unerwähnt bleiben. Da dies jedoch eine gesonderte Betrachtung erfordert, werden wir im folgenden nur "alltägliche" und oftmals sozial geduldete Formen beleuchten.

Psychische Gewalt entsteht aus einem Kampf um Aufmerksamkeit.

Da die emotionale Kompetenz in unserer Gesellschaft nur schwach ausgeprägt ist, sind die wenigsten Erwachsenen in der Lage emotional gut für sich und andere zu sorgen. Belastendes Verhalten ist daher eher die Regel als die Ausnahme. Psychische Gewalt kann jedoch parasitäres Ausmaß annehmen und so zur Gefahr für andere werden. Wenn bestimmte Verhaltensweisen prägend für die Kommunikation und die Beziehungsgestaltung sind und alle Konfliktlösungsversuche und logischen Argumentationen scheitern, kann professionelle Unterstützung notwendig werden. In vielen, wenn nicht sogar fast allen Fällen des so genannten „Burnout“, aber auch anderen Störungen, muss die Beteiligung von psychischen Gewaltstrukturen mit berücksichtigt werden.

Aus psychologischer Sicht kann psychische Gewalt wie fahrlässige Körperverletzung mit Krankheitsfolge betrachtet werden. Dennoch ist das Problem juristisch schwer in den Griff zu bekommen, weil die entsprechenden Gesetze fehlen. Psychische Gewalt kommt häufig im Familienverbund vor, aber auch am Arbeitsplatz oder allen Orten, wo Menschen dauerhaft miteinander zu tun haben. Reale Abhängigkeiten, die einen Kontaktabbruch verhindern, erschweren die Lage der Betroffenen.

Allerdings hat jeder Mensch die Möglichkeit mit Hilfe eines psychischen Lernprozesses aus Gewaltstrukturen auszusteigen und durch Bewusstheit resistent gegen psychische Übergriffe zu werden. Wer seine Lebensschwierigkeiten als Lernaufgaben definieren kann, ist gut beraten. Die Klärung der eigenen Position und die Reflexion der eigenen Verletzbarkeit ermöglichen den Ausstieg. Hilfreich für Teams, Unternehmen aber auch Familien sind klare Normen, für deren Einhaltung die Gruppe gemeinschaftlich unter Einbeziehung der Außensicht durch Dritte sorgt.

Natürlich gibt es unterschiedliche Ausprägungen von psychischer Gewalt. Hier soll es um das „normalschädigende“, sozial gebilligte Verhalten gehen. Im Folgenden finden Sie ein paar weit verbreitete Beispiele mit Hintergrundinformationen und einem kurz skizzierten, möglichen Ausstiegsszenario. Natürlich können die Sturmsegler nur informieren und sensibilisieren.

In leichteren Fällen kann diese Information schon helfen, um die eigene Position zu reflektieren und zu stärken. Wer alleine nicht weiter kommt, tut sich und allen anderen einen Gefallen, wenn er/sie die Berührungsangst vor professioneller Unterstützung überwindet.


Allgemein bekannte Formen psychischer Gewalt


Die allgemein bekannten Formen psychischer Gewalt sind Mobbing, Bossing, Bullying und Cyberbullying. Dabei handelt es sich nicht um einzelne Gewalttaten, sondern um Sammelbegriffe. Mit welchen Methoden gemobbt oder gebosst wird, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Im Vordergrund dieser Begriffe steht das Ziel, das (bewusst oder unbewusst) durch die einzelnen Handlungen verfolgt wird.  


Mobbing

Eine Gruppe geht gemeinschaftlich gegen eines der Mitglieder vor um es auszugrenzen. Die Person wird über einen längeren Zeitraum z.B. systematisch gedemütigt, schikaniert oder ignoriert. Leitkennzeichen: der Betroffene bekommt keine Möglichkeit, den "Konflikt" zu besprechen oder zu lösen. Denn es geht den Mobbern nicht um die Lösung eines Konfliktes. Im Grunde geht es um die Frage: Wer ist akzeptiert und wer nicht?Wenn man es ganz drastisch ausdrücken möchte: Welche Lebensform ist lebenswert und welche nicht? Meist liegen diese Motive auf der unbewussten Ebene und die Mobber reagieren sich einfach an Personen ab, die ihnen schwächer erscheinen. Hier schließt sich der Kreis, denn die Ansicht "Wer zu schwach ist, wird nicht akzeptiert" ist weit verbreitet. 

Von Mobbing spricht man, wenn mehrere gegen einen vorgehen. Dies kann auf der gleichen Ebene stattfinden (z.B. in einer Schulklasse, unter Kollegen) oder vom hierarchischen "unten" nach "oben", (z.B. Schüler gegen ihre Lehrer, Mitarbeiter gegen ihren Chef).


Bullying

Für Mobbing in der Schule unter Schülern wird immer häufiger der Begriff Bullying verwendet. Das Wort "Bully" steht in Englisch für "brutaler Kerl". Die Mechanismen sind die gleichen wie bei dem weiter gefassten Begriff "Mobbing".


Cyberbullying

Cyberbullying ist eine Sonderform des Bullying, denn die neuen Medien wie Soziale Netzwerke, Smartphones mit ihren Foto- Film- und Internetfunktionen bringen ein neues "Spielfeld" für Mobbinghandlungen mit sich. Von Cyberbullying oder Cybermobbing spricht man, wenn Menschen auf Soical Media Plattformen, in Internetforen, in Online-Gästebüchern, etc. beleidigt, gedemütigt und bloßgestellt werden. Die Anonymität des Internets und die sehr einfache und schnelle Verbreitung von diskreditiernden Fotos, Posts und Hetzschriften verstärkt bestehende Mobbingtendenzen und schädigt die Betroffenen besonders nachhaltig. Die Presse hat mehrfach von Jugendlichen berichtet, die in der Folge von Cybermobbing Suizid begangen haben.

Weiterführende Informationen finden Sie in diesem Artikel über Cybermobbing.


Bossing

Bossing ist der Fachbegriff für "Mobbing von oben nach unten". Das heißt, ein Vorgesetzter nutzt seine Machtposition aus um gegen einen oder mehrere Untergebene vorzugehen. Dies geschieht häufig durch demütigen, die Mitarbeiter gegen ihren Willen gefügig zu machen, sie auszugrenzen oder sie aus dem Betrieb hinaus zu ekeln. Auch beim Bossing haben die Betroffenen keine Möglichkeit, den Konflikt mit dem bossenden Vorgesetzten zu besprechen oder zu lösen. Lösungs- oder Verbesserungsvorschläge werden vielmehr mit der Erhöhung von Repressalien beantwortet. Bossing wird vielerorts noch als "Führungsschwäche" oder "ungeschicktes Verhalten" bezeichnet. Dabei übersehen viele, dass jemand, der aus einer Schwäche heraus agiert, dennoch an einer guten Lösung interessiert ist und Vorschläge annimmt. Ein "Bosser" hingegen verfolgt ein anderes Ziel. Bossing ist ein eindeutiger Machtmissbrauch gegenüber Menschen, die von der hierarchisch höher stehenden Person abhängig sind. Nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Schulen und Familien sind Bossingstrukturen verbreitet. Hier sind es die Lehrer bzw. Eltern, die gegen die Kinder vorgehen und sie ducken anstatt sie beim Gedeihen zu unterstützen. 


Beispiele für "alltägliche" psychische Gewalt


Demütigung

Demütigung ist eine der härtesten Waffen psychischer Gewalt. Demütigung bedeutet, den anderen als Deppen, als dumm, als unfähig zu bezeichnen, herabzuwürdigen und verachtend zu kommentieren, anstatt konstruktive Kritik zu üben. Auch auslachen oder mit dem Finger auf jemanden zeigen gehört dazu.

Ziel
Demütigende befinden sich in der Rolle des Richters, der über Recht und Unrecht bestimmt, oder in der Rolle des Lehrers, der glaubt, die Qualität von anderen be(ab)werten zu können. Sie haben kein Gespür und oft auch nicht die Kompetenz, die Stärken von anderen wahrzunehmen. Sie missbrauchen ihr Wissen um ihre Abwertung über (vermeintliche) Schwächen von anderen zu rechtfertigen. Sie machen sich selber sogar zum Maßstab über den Wert oder Unwert eines Menschenlebens.

Motivation
Wer die Flamme eines anderen kleiner dreht, wirkt selber größer. Sich Kontrolle über den Wert des anderen zu beschaffen, um die eigene Minderwertigkeit zu kaschieren. Da Demütigung das Gegenüber meist sichtlich verletzt und belastet, entsteht beim Demütigenden die Illusion, stark zu sein. Demütigung wird meist dazu benutzt, um die eigene Mittelmäßigkeit zu verdecken.

Wozu macht jemand das?
Stärker sein, besser sein wollen, ich bin ein guter (Junge/gutes Mädchen) und (meine Frau, meine Mama, mein Chef) ist stolz auf mich, weil ich besser bin als andere. Ich bin der Maßstab, ich bin wichtig. Es gibt wertes und unwertes Leben und ich gehöre zum werten Leben.

Psychischer Hintergrund
Selbstüberschätzung, Kompensation eigener Minderwertigkeit, oft pathologischer Mangel an Empathie, Identifikation mit dem eigenen Aggressor, menschliche Daseinsberechtigung wird an Leistung fest gemacht, Überwindung eigener Nichtigkeitsgefühle, zu faul, bequem, selbstgerecht, um eigene Fähigkeiten auszubauen, sich an Abhängigen abreagieren wollen, weil man Gleichgesinnten nicht gewachsen ist. (Hier besteht dringender Psychotherapiebedarf!)

Ausstiegsszenario aus der Beziehung mit einem Demütiger
Sich seines wahren Wertes bewusst werden, die eigenen Werte reflektieren und diese zum Maßstab im eigenen Leben machen, (was soll in meinem Leben wichtig sein?). Nur Menschen, die zu wertschätzender Kommunikation und Empathie in der Lage sind, als Ratgeber und Lehrer akzeptieren. Professionelle Hilfe suchen und sich darüber klar sein, dass psychische Verletzungen massive gesundheitliche Folgen haben können.


Manipulation über Angst (Einschüchterung)

„Und bist du nicht willig...!“ Die Androhung von Gewalt erzeugt emotionalen Stress. Ein Mensch, der sicher weiß, dass er geprügelt wird, kann sich darauf einstellen. Jemand, der es nur befürchtet, aber nie weiß, ob er in Sicherheit ist, befindet sich in dauerhaftem Alarmzustand. Um diesem Stress zu entgehen, tut er, was der Peiniger sagt.

Ziel
Bindung und Gehorsam zu erzeugen, den eigenen Willen durchsetzen, sich an Schwächeren abreagieren, Willkür, Lustgewinn

Motivation
Sich selber stark fühlen, zeigen, dass man sich nicht an Grenzen und Regeln hält, den andern in Dauerunsicherheit halten, Lust am Quälen, Sadismus, Dominanzanspruch

Wozu tut jemand das?
Das Gegenüber über die Angst zur Identifikation mit den eigenen Zielen zwingen und versklaven, sich Lust und Befriedigung verschaffen, sich an der Angst des anderen laben, andere quälen, damit man überhaupt was spürt. 

Psychischer Hintergrund
Aufgrund eigener tief greifender Störungen kein Modul für Liebe oder Liebesfähigkeit haben, Fehlen von Gewissen und Empathiefähigkeit, Gefühllosigkeit, Lust am Krieg, pervertiertes Gefühlsleben

Ausstiegsszenario aus der Beziehung zu einem Einschüchterer:
Angstüberwindung. In Fällen akuter Bedrohung, professionelle Hilfe einschalten. Eigene Existenzthemen und eigene Lebensziele reflektieren und für sich klären. Wovon träume ich, was möchte ich gerne? Orientierungssatz für sich selber: wer keine eigenen Ziele hat, lässt sich leicht vor den Karren des anderen spannen. Urvertrauen und internalisierten Schutz im eigenen Inneren erarbeiten. Kommunikationsnetzwerk mit anderen Betroffenen bilden. Will man als Tiger oder als Meerschweinchen durch die Welt gehen? Das Leben ist ein Dschungel, es ist gut, damit umgehen zu lernen...
Dem Täter möglichst unemotional und sachlich begegnen, bis man den Ausstieg geschafft hat. Täterloyalität berücksichtigen und behutsam auflösen. Satz: Die Welt wartet auf mich!


Manipulation über Schuldzuweisung

Wenn du nicht tust, was ich will geht es mir schlecht, sterbe ich, werde ich krank, bist du ein schlechter Mensch. Wenn du den Teller nicht leer isst, gibt es schlechtes Wetter. Sei mein Messias oder du bist schuld an meinem Untergang. Ich habe alles für dich getan, du bist mir etwas schuldig, ich war immer für dich da, ich habe dich immer unterstützt, ich habe mich für dich geopfert, ich hab so viel für dich aufgegeben - (mach das wieder gut! Jetzt bist du dran, jetzt tu alles für mich.)

Ziel
Den anderen durch sozialen Druck zum Dienst an der eigenen Person zwingen. Hoher Aggressionsgrad hinter scheinbarer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Gegenüber soll Buße tun, indem er/sie wieder gut macht, Wünsche erfüllt, zu Diensten ist, sich verfügbar macht, keine eigenen Wege geht und den eigenen Willen unterdrückt.

Motivation
Sich jemanden vollkommen zu eigen machen. Versklavung. Verantwortung für eigene Lebensentscheidungen abgeben. Vertuschen, dass man nicht will, dass der andere eine eigene Daseinsberechtigung hat - wenn du schon existierst, dann nur als mein Sklave. Eigene Anstrengung vermeiden, das Leben nicht selber bewältigen wollen, Befriedigung in der Bestrafung anderer finden, die eigene Straflust befriedigen, von der eigenen Schuld ablenken. Jemandem indirekt sagen, dass er einem das Leben verdankt, das man ihm jederzeit hätte nehmen können. Verschleierte Aggression.

Wozu macht jemand das?
Um das Gegenüber zu instrumentalisieren. Der andere soll für die eigene Bequemlichkeit aufkommen. Trag mich durchs Leben (z.B. weil dein Vater es nicht getan hat)

Psychischer Hintergrund
Verpfuschtes Leben aufgrund von falschen Lebensentscheidungen, Hadern mit dem Schicksal, verpasste Lernchancen, Selbstwerdung (oft aus Bequemlichkeit) verweigert und in der Abhängigkeit gelandet, Neid auf die positive Situation von anderen, Bequemlichkeit, Ablehnung von Verantwortung, gelernte Hilflosigkeit.

Ausstiegsszenario aus der Beziehung mit einem Schuldzuweiser (Armes Ich)
Versteh
en, dass jeder für sein eigenes Leben die volle Verantwortung trägt. Die Verantwortung von anderen Erwachsenen zu tragen bedeutet, sie zu schwächen. (Botschaft: du bist nicht stark genug, um es selber zu tragen). Die Lebens-Verantwortung übergeben. Sich bedanken für das, wofür man dankbar sein sollte, es als Geschenk anerkennen und mitnehmen, wenn man geht. Verstehen, dass es sich nicht um eine wirkliche Schuld handelt. Geschenke sind nicht an Wiedergutmachung gebunden, man darf sie einfach nehmen. Opfer dankend annehmen und seiner (höheren) Bestimmung folgen. Das Leben (das Höhere Selbst) erwartet die Selbstwerdung, das Leben will sich permanent entwickeln.


Ignorieren, Liebesentzug

So tun, als wäre der andere Luft, ihn nicht beachten, nicht auf ihn oder sie reagieren, Nachrichten nicht beantworten, Existenz negieren

Ziel
Den anderen wie Luft behandeln um mitzuteilen, wie gleichgültig er/sie einem ist. Macht über die Kommunikation, völlige Entwertung des anderen und Aufwertung der eigenen Person. Du bist gar nicht da, du bist Luft für mich, du zählst nicht, du bist mir egal, es ist egal, ob du lebst oder stirbst. Klärung aus dem Weg gehen, Dominanzanspruch.

Motivation
Jemandem zeigen, dass man ihn oder sie nicht braucht und vollkommen unabhängig ist.

Wozu macht man das?
Aufmerksamkeit
des anderen an sich fesseln und so wichtig zu werden/zu bleiben für den anderen. Eigene Verletztheit/Verletzlichkeit nicht zeigen müssen, Konflikt nicht lösen können oder wollen. Selbstschutz, um den Argumenten des anderen nicht ausgeliefert zu sein, Recht behalten wollen, sich abgrenzen, weil man gesunde Abgrenzung nicht gelernt hat.

Psychischer Hintergrund
Konfliktlösungsstrategien wurden nur bedingt gelernt. Es gibt nur schuldig oder unschuldig, aber keine Lösungsansätze, die zeigen, dass die Beziehung trotz Krisen und Belastungen bestehen bleiben kann. Nicht die richtigen Worte finden können, den Fehler des anderen als bestrafungswürdig betrachten. Nicht kommunizieren, weil man nicht kommunizieren kann. Sprachlosigkeit

Ausstiegsszenario aus der Beziehung mit einem Kommunikationsvermeider
Für sich selber klären, was man zu sagen hat. „Schmähbriefe“ schreiben, (die man nicht abschickt!) und sie anschließend verbrennen, bis man sachlich äußern kann, was man gerne sagen möchte. Lernen, sich konstruktiv zu äußern, was man gerne möchte. Andere Betätigungen suchen, die Spaß machen. Sich unabhängig machen von der Aufmerksamkeit des anderen.


Was können Sie konkret für sich tun? 


1. Den Erkenntnisschock überwinden

2. Sich Wissen aneignen

3. Sich für Kompetenz entscheiden 

4. Täterloyalität erkennen und den eigenen Selbstwert wieder aufbauen

5. Sich selbst etwas Gutes tun



Das bedeutet im Einzelnen:

1. Den Erkenntnisschock überwinden

Vielleicht ist Ihnen beim Lesen dieser Seite ganz schwer geworden. Vielleicht sind Sie müde geworden oder Ihnen ist vielleicht sogar übel oder kalt. Das ist ganz normal bei so einem heftigen Thema. Es ist ein Zeichen dafür, dass Sie gerade ziemlich schockiert sind darüber was Sie gerade gelesen haben. Wenn ja, dann durchleben Sie gerade einen so genannten Erkenntnisschock. Er tritt immer auf, wenn uns plötzlich etwas bewusst wird, was wir schon lange erleben, es aber noch nie (so) gesehen haben. Vielleicht haben Sie gerade erst erkannt, mit welchen Gewaltsituationen Sie tagtäglich konfrontiert sind. 

Jetzt können Sie entweder die Seite schließen und die unangenehmen Gefühle, die ausgelöst wurden, wieder wegpacken. Oder Sie entscheiden sich dafür, Ihre Lebensqualität und die Qualität Ihrer Beziehungen dauerhaft steigern zu wollen und nehmen es deshalb auf sich, diesen Erkenntnisschock zu überwinden und sich weiter aktiv mit psychischer Gewalt auseinander zu setzen. Sie werden es nicht bereuen!


2. Sich Wissen aneignen

Psychische Gewalt ist kein angenehmes Thema. Aber es hilft ungemein, wenn man etwas über Psyche und seelische Prozesse weiß. Hier finden Sie erste Artikel und Literaturhinweise, durch die Sie sich mit dem Thema vertraut machen können:

CDs und Artikel:


Die umfassende Sturmsegler Literaturliste zum Download

Einige ausgewählte Bücher:
  • Fachforum Mobbing: Internetpräsenz mit umfassenden Informationen, Texten, Links und Adressen von Beratungsstellen: www.fachforum-mobbing.de  
  • Martin Wolmerath, Axel Esser: Werkbuch Mobbing. Offensive Methoden gegen psychische Gewalt am Arbeitsplatz
  • Fritz Riemann: Grundformen der Angst
  • Eric Berne: Spiele der Erwachsenen
  • Hans-Joachim Maaz: Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm
    • Hans-Joachim Maaz: Der Lilith Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit
    • Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes
    • Marie-France Hirigoyen: Die Masken der Niedertracht. Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann
    • Harriet Braiker: Giftige Beziehungen. Wenn Andere uns krank machen
    • Susan Forward: Emotionale Erpressung. Wenn andere mit Gefühlen drohen 

    3. Sich für Kompetenz entscheiden 

    Was tun Sie, wenn Ihr Auto nicht mehr so läuft wie es soll? Oder wenn Ihre Haare nicht mehr so sitzen oder fallen wie Sie es wollen? Was tun Sie, wenn Ihr Computer nicht mehr rund läuft oder in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist? Richtig. Sie gehen in die Werkstatt, zum Frisör und zum Computerspezialisten. Sie gehen zu jemandem, der sich mit Ihrem Problem auskennt und ein Spezialist ist. Schließlich weiß nicht jeder, der ein Auto hat wie dessen Motor funktioniert, nicht jeder der Haare hat, weiß, wie man sie schneiden muss, damit man gut aussieht. Und nicht jeder der einen Computer hat, weiß wie man ihn wieder fit machen kann. Hier ist Fachkompetenz gefragt. 

    Auch für psychische und emotionale Prozesse gibt es Spezialisten. Psychotherapeuten und auch Coaches mit einer fundierten Ausbildung sind Fachleute darin, Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten. Sie bieten einen Raum für Reflexion und zum konstruktiven Umgang mit den eigenen Gefühlen und Mustern. Tun Sie sich und Ihrem Umfeld etwas Gutes und entscheiden Sie sich für eine kompetente Unterstützung.  

    Wir möchten an dieser Stelle zukünftig eine Liste von Therapeuten und Coaches zur Verfügung stellen und sind noch auf der Suche nach geeigneten Personen. Wenn Sie jemanden kennen den Sie empfehlen können oder wenn Sie selbst als Coach oder Therapeut/in in die Liste aufgenommen werden möchten, schicken Sie uns bitte eine aussagekräftige E-Mail an barbara.motschenbacher@sturmsegler.org.


    4. Täterloyalität erkennen und den eigenen Selbstwert wieder aufbauen

    Der Begriff Täterloyalität ist auch bekannt unter "Stockholm-Syndrom" oder "Identifikation mit dem Aggressor" und erklärt viele Verhaltensweisen, die uns zunächst unlogisch erscheinen. Unlogisch erscheinen sie nur so lange, wie wir den psychischen Hintergrund nicht kennen. Täterloyalität führt dazu, dass das Opfer seinen Täter schützt, sein Verhalten bagatellisiert und rechtfertigt. Nicht selten sucht es bei sich selbst die Schuld für das Verhalten des Anderen. Außerdem reagiert es oft aggressiv auf Menschen, die ihm aus der Situation raushelfen wollen. Dies passiert so lange, bis es sich seiner misslichen Lage bewusst wird oder bis es einfach nicht mehr kann und auf Hilfe angewiesen ist. Doch auch dann sehen viele Opfer oft nicht die Verantwortung beim Täter, sondern denken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt oder sie zu schwach sind. 

    Nicht selten schützen auch Zeugen, die sehen was passiert, eher den Täter als das Opfer. Sie verharmlosen, relativieren, erklären und rechtfertigen sein Verhalten. Oder sie versuchen sich rauszuhalten und bestehen darauf, eine neutrale Position einzunehmen. 

    Wie ist dieses Verhalten zu erklären? 

    Wenn Menschen sich über einen längeren Zeitraum von einem Täter existenziell bedroht fühlen oder sie sich jemandem ohnmächtig ausgeliefert fühlen, setzt ein natürlicher Überlebensmechanismus ein: Das Opfer versucht die Gefahr zu bannen, keinerlei Angriffsfläche zu liefern und beginnt die Welt und sich selbst aus den Augen des Aggressors zu betrachten. Es beginnt, sich mit dem Täter zu identifizieren. Dies passiert unbewusst und stellt in der akuten, (gefühlt) existenzbedrohlichen Situation einen Schutzmechanismus dar. Der Effekt ist allerdings langfristig, denn die Identifikation mit dem Aggressor und die daraus resultierende unbewusste Loyalität besteht meist fort und wird auch auf andere Aggressoren übertragen. Gleichzeitig entfernt man sich vom eigenen Selbst und kann dadurch den Kontakt zu den eigenen Wünschen, Prioritäten und Sichtweisen verlieren. 

    Als Kinder fühlen wir uns den Erwachsenen gegenüber ohnmächtig und ausgeliefert. Wir wissen, dass wir nicht alleine überleben können und auf die Zuwendung und Fürsorge von Erwachsenen angewiesen sind. 

    Wer sich heute in einer Situation psychischer Gewalt befindet, tut gut daran zu reflektieren, was er als Kind erlebt hat und wie bedrohlich er Eltern, Großeltern, Geschwister, spezielle Lehrer, Pfarrer oder sonstige Autoritätspersonen erlebt hat. Außerdem ist es hilfreich zu reflektieren, welche Glaubenssätze die Ursprungsfamilie einem über sich selbst mitgegeben hat: Was hat mir meine Familie beigebracht im Bezug auf „ich darf mich wehren“ oder eben nicht? Was hat sie mir beigebracht über die Anderen? z.B. "Ich muss die Anderen zufrieden stellen." "Die Anderen sind besser als ich". "Die Anderen sind wichtiger als ich". "Ich bin nicht ok so wie ich bin." Solche Glaubenssätze sind der fruchtbare Boden für Mobbingsituationen. Sätze wie "Die Erwachsenen / Lehrer / Autoritäten haben immer Recht", "Ich muss immer brav sein und gut folgen", bis hin zu: "Ich bin bestrafungswürdig" können in Bossingsituationen münden. 

    Weitere Anregungen zum Thema finden Sie in diesem Artikel "Täterloyalität".

    Auch diesen Reflexionsprozess machen Sie bitte mit einem kompetenten Coach oder Psychotherapeuten. Neben der Reflexion geht es nun darum, den verlorenen Selbstwert wieder aufzubauen oder ganz neu zu erfinden. Sätze wie "Ich bin eine Bereicherung", "Ich darf mir selbst der wichtigste Mensch in meinem Leben sein" oder "Meine Unversehrtheit ist mir wesentlich und ich setze mich dafür ein" werden wahre Wunder wirken. Wenn Ihnen einer davon gefällt, schreiben Sie ihn einfach auf einen Zettel und stecken Sie ihn für die nächsten zwei Wochen in Ihre Hosentasche. Sie werden merken, dass Sie sich damit viel besser fühlen ;-).


    5. Sich selbst etwas Gutes tun

    Natürlich können Sie die Selbstfürsorge auch ganz an den Anfang der Liste stellen. Vielen Betroffenen fällt es jedoch schwer, sich etwas Gutes zu tun und sich zu entspannen, solange sie sich noch akut bedroht fühlen und nicht die nötige Unterstützung erfahren. Daher ist es ratsam, sich erstmal zu informieren und Experte der eigenen Situation zu werden um sich dann Schritt für Schritt wieder um das eigene Wohlbefinden zu kümmern. 

    Hier finden Sie einige Tipps:

    • Auf Beziehungsqualität achten 
    Das Prinzip ist einfach: Meiden Sie Kontakt mit Menschen, deren Umgang Ihnen nicht gut tut und mehren Sie den Kontakt mit denen, bei denen Sie fühlen, dass es ihnen um Ihr Wohlergehen und Ihre Entwicklung geht. 

    Bei der Qualität von Beziehungen zählen nicht die Worte, die jemand spricht, sondern die Taten, die jemand tut oder unterlässt. Wenn Sie sich einmal unsicher sind, ob die Person Sie unterstützt oder nicht, tun Sie so, als würden Sie den Ton abstellen. Sie hören nicht mehr, was die Person sagt und Ihnen verspricht, sondern sehen nur noch die Taten. So werden Sie sehr schnell die Unterscheidung treffen können. An dieser Stelle werden Sie sicher einige Ent-täuschungen erleben. Dies macht manchmal Dinge klarer, die Sie eh schon immer wussten, manchmal führt dies aber auch zu einer Erkenntnis, auf die Sie im Traum nicht gekommen wären. Das ist in der Regel sehr schmerzhaft und manchmal hat man das Gefühl auf der ganzen Linie verraten und alleine gelassen zu werden. Sie sollen aber eines wissen: das ist völlig normal. Es ist ganz normal, dass sich an solchen Situationen Scheidewege ergeben oder sich Kontakthäufigkeiten komplett verändern. 
    • Tagebuch schreiben:
    Kaufen Sie sich ein schönes Buch, in das Sie all Ihre Gedanken aufschreiben können. Wenn Ihre Freunde Ihnen nicht mehr zuhören wollen, weil sie selbst mit der Situation überfordert sind und Ihnen nicht weiterhelfen können - Ihr Tagebuch kann es. Es ist unendlich geduldig und Sie werden sehen, wie Ihnen beim Schreiben ganz von selbst Erkenntnisse, Ideen und neue Perspektiven kommen. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen auf der Seele brennt. Und bitte: seien Sie dabei freundlich zu selbst. Und wenn Ihnen das nicht so leicht gelingt, dann üben Sie es jedes Mal ein bisschen mehr. Bis es eben klappt. Oder Sie über sich selbst ein wenig schmunzeln können :-). 

    Inspirierende Übungen fürs Tagebuchschreiben finden Sie im Booklet der Sturmsegler Doppel-CD "Mobbing und Bossing".
    • Sich neue, erstrebenswerte Ziele setzen:
    In Situationen psychischer Gewalt geschieht es häufig, dass man sich sehr auf den oder die Täter konzentriert. In konkreten Gefahrensituationen ist die natürlich wichtig, damit man nichts übersieht. Allerdings passiert es dadurch häufig, dass der/die Täter sehr viel Raum einnehmen und in Extremfällen sogar zum Lebensinhalt werden. Damit dies nicht geschieht und Sie wieder Ihr eigenes Leben leben können, ist es wichtig, sich in Sicherheit zu bringen und den Fokus auf das eigene Leben zu lenken und einen neuen, positiven Zukunftsplan zu entwickeln. Die folgenden Fragen regen Ihre Phantasie an und unterstützen Sie dabei:
      • Wenn ich mich neu erfinden könnte, wie würde dann mein Leben aussehen?
    (Beschreiben Sie alles ganz genau: wie sieht das aus, wie fühlt es sich an, wer ist in meiner Nähe, wie sieht mein Tagesablauf aus?)
      • Was will ich im Leben erreichen? 
      • Welche wichtigen Wünsche habe ich aus den Augen verloren? 
      • Wovon wage ich schon lange nicht mehr zu träumen? 
      • Wo würde ich mich jetzt so richtig wohl fühlen?
      • Was sind meine tiefsten Herzenswünsche?  
    Und? Wie sieht Ihre Zukunft aus? Und wie fühlen Sie sich?
    Wenn es Ihnen gerade schwer gefallen ist, sich auf diese Fragen einzulassen, dann kann es sein, dass Ihr System gerade noch im Alarmmodus ist. Das bedeutet, dass Ihr Stress noch so hoch ist, dass Sie gerade keinen Zugang zu Ihrer Kreativität und zu Ihrer Phantasie haben. Phantasie ist aber die Voraussetzung, um positive Zukunftsbilder entwerfen zu können. In Gewaltsituationen verkriecht sich die Phantasie häufig und schließt die Tür von innen ab. Die gute Nachricht ist: es gibt Unterstützung um den Zugang zur Phantasie wieder zu bekommen, nämlich Phantasiereisen.
    • Entspannung und Phantasiereisen:

    Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, sich immer wieder etwas Gutes zu tun und Möglichkeiten der Entspannung zu suchen. Die Phantasiereisen von Tina Wiegand sind die ideale Unterstützung dazu. Sie aktivieren Ihre Phantasie, bringen Sie in Kontakt mit Ihrer Seele und können so Selbstheilungsprozesse anstoßen und unterstützen. 

    Auch wenn Sie Schwierigkeiten mit dem Einschlafen haben, sind diese CDs ideal. Legen Sie die CD ein, legen Sie sich hin und lassen Sie sich von der Musik und der angenehmen Stimme in die Entspannung führen. Die CDs finden Sie auf www.soulfit.de

    • Kreativer Ausdruck:
    Geben Sie Ihren Emotionen die Möglichkeit, Gestalt anzunehmen. Kneten Sie, formen Sie, schreiben Sie, singen Sie, malen Sie, sodass alles, was in Ihnen drin steckt einen Weg nach draußen finden kann. Werfen Sie dabei ruhig alle Perfektionsansprüche, die Sie an sich selbst stellen, über Bord. Wenn Sie Ihr Bild hässlich finden, sagen Sie sich einfach: "Das ist therapeutisches Malen." Denn genau das ist es. Wie soll etwas Schönes rauskommen, wenn in mir rasende Wut ist? Oder das Gefühl, verraten und ausgegrenzt zu sein? Lassen Sie es raus und schreiben Sie ruhig wilde Gedichte oder pointierte Schmähbriefe. Wichtig ist hierbei: tun Sie dies nur für sich und für Ihre eigene emotionale Hygiene. Schicken Sie Schmähbriefe niemals ab, sondern verbrennen Sie sie lieber und sehen Sie zu, wie sie sich in Wärme, Rauch und Asche auflösen. Das Gleiche geschieht mit Ihren Gefühlen. Sie verrauchen wenn Sie ihnen Ausdruck verliehen haben.

    Ein sehr gutes Buch, das viele Hintergrundinformation und zahlreiche Kreativitätsübungen beinhaltet ist "Der Weg des Künstlers" von Julia Cameron. Befolgen Sie das 3-Monats-Programm und Sie werden erleben, wie gut es tut, sich mit der eigenen kreativen Kraft zu verbinden. 
    • Selbstverteidigungskurs:
    Gewalt ist Gewalt. Auch wenn sie auf der psychischen Ebene ausgelebt wird. Mit einem Selbstverteidigungskurs lernen Sie bedrohliche Situationen zu erkennen und was Sie tun können um aus der "Opferfalle" rauszukommen. Wärmstens empfehlen können wir den Selbstverteidigungskurs von Tom Becker. Hier lernen Sie in der ersten Lektion erst einmal "Nein" und "Stop" zu sagen. Sie werden überrascht sein, welche widersprüchlichen Signale Ihre Körpersprache bisher aussendet. Denn anscheinend sagt der Körper öfters "Ja" zum Täter, selbst wenn wir verbal "Nein" sagen. Doch mit ein bisschen Training und einer anderen Ausstrahlung lässt sich dies verändern und Sie können wirklich selbst bestimmen was Sie zulassen und was nicht. 
    Sie können das Nein-Sagen schon mal für sich selbst üben: Sagen Sie in einem ernsten, unmissverständlichen Ton "Nein". Unterstreichen Sie dieses Nein indem Sie gleichzeitig mit dem Fuß laut aufstampfen. Der Fuß stampft vor dem Körper auf, denn Sie gehen etwas nach vorne in den Angriff. Als drittes machen Sie mit beiden Händen eine klare, abwehrende Geste. Und jetzt alles drei gleichzeitig: "Nein, Stampf, Abwehr". Üben Sie dies mehrmals mit "Nein" und "Stop". In Situationen, in denen ein klares Nein vonnöten ist, brauchen Sie sich nur noch an dieses eingeübte Gefühl erinnern und schon haben Sie die "Nein-Ausstrahlung". In der Regel weicht der Angreifer automatisch zurück. Probieren Sie's aus! Sie werden verblüfft sein von der Auswirkung Ihrer veränderten Ausstrahlung.
    • Entspannendes Basenbad:
    Einfach Salz aus dem Toten Meer oder einen Badezusatz "Basenbad" in die Badewanne geben und sich Ruhe gönnen. Dies hilft, den Körper zu entsäuern (manchmal ist man einfach im wahrsten Sinne des Wortes sauer), sich wohlig und geborgen zu fühlen und zu entspannen.